Werte im Wandel

Unternehmen müssen heutzutage Werte jenseits der üblichen Gewinnmaximierung schaffen und bewahren – das ist unstrittig.[1] Aber wie sollen sie diese oftmals als „nichtfinanzielle“ Werte bezeichneten Faktoren an ihre Anspruchsgruppen berichten? Diese Frage treibt längst nicht mehr nur auf Nachhaltigkeit spezialisierte Akteure um. Vor allem bei Berichtserstellern, -adressaten und Standardsetzern hat das Thema in den vergangenen Jahren eine Debatte über die Zukunft der Unternehmensberichterstattung ausgelöst. Das Integrated Reporting Council (IIRC) versucht, Standards für eine neue, integrierte Form der Berichterstattung zu etablieren. Aus Sicht des IIRC soll diese Integrierte Berichterstattung bestehende Formate wie Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte perspektivisch ablösen.

Treiber Kapitalmarkt

Vor allem für Investoren und Analysten werden nichtfinanzielle Informationen wichtiger.[2] Mittlerweile ist empirisch belegt, dass nichtfinanzielle Informationen in die Bewertungen von Unternehmen durch Kapitalmarktakteure einfließen und diese Bewertungen positiv beeinflussen können.[3] Insbesondere im Bereich der Socially Responsible Investments (SRI) werden Informationen aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environment, Social, Governance – ESG) für Unternehmensbewertungen genutzt[4], aber auch Mainstream-Investoren berücksichtigen diese Aspekte zunehmend.[5] Nichtfinanzielle Vermögenswerte können heutzutage sogar den Großteil des Wertes eines Unternehmens ausmachen – zu diesem Ergebnis kommt seit einigen Jahren eine Studie[6] des Finanzinstituts Ocean Tomo.2.1_IR_Nichtfinanzielle_Vermögenswerte Damit verändern sich auch die Informationsbedürfnisse der Kapitalmarktakteure und ihre Anforderungen an die Unternehmensberichterstattung. Die klassische Geschäftsberichterstattung wird dem immer weniger gerecht – so die These des IIRC, einer Koalition aus Standardsetzern, Unternehmen, Wissenschaftlern, Finanzmarktakteuren und weiteren Stakeholdern.[7] Jahresabschlüsse und Lageberichte bieten keine ausreichende Informationsbasis, um die nichtfinanziellen Wertbeiträge von Unternehmen einschätzen zu können.[8] Auf der anderen Seite legen Nachhaltigkeitsberichte zwar nicht-finanzielle Informationen offen, diese werden aber nicht immer eindeutig mit der Unternehmensstrategie, dem Geschäftsmodell oder der finanziellen Performance verknüpft.[8]

Finanz- und Nachhaltigkeitsperspektive in einem Berichtsformat integrieren

Im Gegensatz zu einer getrennten Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichterstattung versucht die integrierte Berichterstattung finanzielle und nichtfinanzielle Inhalte in einem Berichtsformat zusammenzuführen. Dieses Berichtsformat stützt sich auf die Annahme, dass Unternehmen auf verschiedene nichtfinanzielle Kapitalarten angewiesen sind, um erfolgreich wirtschaften zu können. Dazu gehören beispielsweise natürliche Ressourcen, gute Beziehungen zu Stakeholdern wie Lieferanten und Kunden oder das Potenzial für Innovationen. Solche Faktoren sind eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Unternehmen Produkte herstellen oder Dienstleistungen erbringen können. Harvard-Professor Robert G. Eccles, einer der Vordenker des Integrated Reporting, fasste die Überlegungen zu dieser Integration in seinem Konzept des „One Report“ zusammen.

„In its simplest terms, One Report means producing a single report that combines the financial and narrative information found in a company’s annual report with the nonfinancial and narrative information found in a company’s CSR or sustainability report.”[9]

Bei der integrierten Berichterstattung geht es dem IIRC zufolge vor allem um einen „integrierten Denkansatz“, der die Wechselwirkungen aufzeigt, die zwischen den verschiedenen Kapitalarten untereinander sowie zwischen dem nichtfinanziellem Kapital und der Unternehmenstätigkeit existieren. Zwar berichten viele Unternehmen bereits nichtfinanzielle Informationen wie CO2-Emissionen, Arbeitssicherheit oder Mitarbeiterzufriedenheit im Geschäftsbericht, diese werden aber in der Regel isoliert dargestellt: Ihre Bedeutung für die finanzielle Leistung des Unternehmens wird nicht erklärt. In einem integrierten Bericht soll verdeutlicht werden, wie sich diese Aspekte kurz-, mittel- oder langfristig wertsteigernd oder -mindernd auswirken.[10] So könnte beispielsweise konkretisiert werden, welche Folgen eine höhere Arbeitgeberattraktivität oder eine verbesserte CO2 Bilanz für den finanziellen Erfolg eines Unternehmens haben.

Quellen:

  • [1] Ocean Tomo (2015): Annual Study of Intangible Asset Market Value.
  • [2] PricewaterhouseCoopers (2014). Sustainability goes mainstream: Insights into investor views.
  • [3] Cheng et al. (2013): Corporate social responsibility and access to finance.
  • [4] EUROSIF (2014). European SRI Study.
  • [5] Bassen & Frank (2012): Integrating Sustainability Reports into Financial Statements.
  • [6] Die Studie verfolgt seit mehreren Jahren die wachsende Lücke zwischen dem Markt- und Buchwert börsennotierter Unternehmen. Im Fokus der Studie stehen geistige Eigentumswerte als wesentliche Treiber für den Anteil des Unternehmenswerts, der über finanzielle und physische Vermögenswerte hinausgeht.
  • [7] International Integrated Reporting Council (2011): TOWARDS INTEGRATED REPORTING. Communicating Value in the 21st Century.
  • [8] Freidank, Müller & Velte (2015): Handbuch Integrated Reporting.
  • [9] Eccles, Krzus (2010): One Report: Integrated Reporting for a Sustainable Strategy.
  • [10] International Integrated Reporting Council (2013): THE INTERNATIONAL FRAMEWORK.