Hürden für die Umsetzung

Neben den möglichen Vorteilen birgt der IIRC Ansatz auch kritische Aspekte. Diese wurden bereits bei der Entwicklung des <IR> Rahmenwerks deutlich: Im Rahmen der Konsultationsphase waren Stakeholder eingeladen den Entwurf zu kommentieren. In vielen dieser Eingaben werden Unklarheiten und Kritik  angesichts der Abstraktheit zentraler Konzepte des Integrated Reportings geäußert. [1] Zentrale Begriffe des Rahmenwerks seien an Idealvorstellungen orientiert und nicht klar definiert. Die Unterscheidung von sechs Kapitalarten sei nicht ausreichend begründet und auf die Berichterstattung von Unternehmen schwer übertragbar. Anforderungen, etwa zur Offenlegung der Wirkungsbeziehungen zwischen finanziellen und nichtfinanziellen Aspekten, seien ambitioniert und nicht nur für Erstanwender schwer zu erfüllen. Daraus ergeben sich Herausforderungen für Berichtsersteller.[2]

Freiheiten in der Ausgestaltung

Das <IR> Rahmenwerk lässt Unternehmen großen Gestaltungsspielraum bei der Umsetzung. Dies ist untypisch für Geschäftsberichte, die in der Regel anhand klarer Vorgaben gemäß gesetzlichen Publizitäts- bzw. Offenlegungspflichten erstellt werden. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, das <IR>-Konzept der Wertschöpfung auf ihre Geschäftspraxis zu übertragen und geeignete Indikatoren für die Kapitalarten zu definieren. Aufgrund der großen Interpretationsspielräume können die Berichte in der Praxis inhaltlich und in ihrem Aufbau sehr stark voneinander abweichen. Dieser Variantenreichtum erschwert jedoch den Leistungsvergleich, vor allem auch für Investoren.

Mangelnde Erfahrung mit Materiality

Das <IR> Rahmenwerk fordert einen transparenten Prozess für die Bestimmung der wesentlichen nichtfinanziellen Themen. Diese Einschätzung soll sich an der Relevanz der Themen für die unternehmerische Wertschöpfung orientieren. Bisher gibt es jedoch wenig Erfahrung damit. Viele Unternehmen greifen deshalb auf bewährte Konzepte zur Bestimmung der Wesentlichkeit aus der Nachhaltigkeitsberichterstattung zurück. Diese berücksichtigen in der Regel aber nicht die Relevanz für die unternehmerische Wertschöpfung, sondern nehmen vor allem die Erwartungen der relevanten Stakeholder-Gruppen in den Blick. Das entspricht nicht dem eigentlichen Ansatz des IIRC – der Fokussierung auf Kapitalmarkt-Stakeholder.

Verlust inhaltlicher Qualität

Das <IR> Rahmenwerk legt einen starken Fokus auf den Kapitalmarkt als Kernzielgruppe. Dies birgt das Risiko, dass nichtfinanzielle Informationen, die für weitere legitime Stakeholder wesentlich sind, in der künftigen Berichterstattung nicht mehr berücksichtigt werden. Zudem besteht die Gefahr, dass Inhalte aufgrund einer strengeren Wesentlichkeitshürde nur oberflächlich und nicht in der für die Stakeholder angemessenen Qualität und Informationstiefe dargestellt werden. Diese Befürchtung ist vor allem dann berechtigt, wenn Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung vollständig durch das neue Format ersetzen wollen, das laut IIRC möglichst kurz und prägnant sein soll.

Unklarheiten zur Messbarkeit

Eine große Herausforderung ist die Messung nichtfinanzieller Werte und die Veranschaulichung der Wechselbeziehungen zwischen den Kapitalarten. Das Rahmenwerk des IIRC bietet keine erkennbaren Anknüpfungspunkte für eine Konkretisierung aussagekräftiger nichtfinanzieller Kennzahlen. In der Praxis ist zu beobachten, dass Unternehmen mit gängigen Reporting-Kenngrößen wie Kunden- oder Mitarbeiterzufriedenheit experimentieren, um nichtfinanzielle Kapitalstöcke annäherungsweise abzubilden. Allerdings werden daraus die Einflüsse auf den Geschäftserfolg, Zusammenhänge zwischen den sechs vom IIRC definierten Kapitalarten oder Effekte auf Umsatz oder Rendite in der Regel nicht ersichtlich. Wenige Unternehmen gehen einen Schritt weiter und führen Hypothesen über die finanziellen Auswirkungen nichtfinanzieller Aspekte auf, gestützt zum Beispiel auf wissenschaftliche Studien.

Quellen:

  • [1] http://integratedreporting.org/resource/consultationdraft2013/ (Zugriff: Januar 2016).
  • [2] Humphrey et al. (2014). The Rise of Integrated Reporting: Understanding Attempts to Institutionalize a New Reporting Framework.